Zukunft der Tierhaltung
„Landwirtschaft trifft Uni“ an der BOKU: Fünf Betriebe gaben Einblicke in ihren Alltag. Wissenschaft, Studierende und Lebensmittelwirtschaft diskutierten über Tierwohl, Konsumverhalten und wirtschaftliche Perspektiven.
Wie kann die heimische Nutztierhaltung angesichts steigender gesellschaftlicher Erwartungen an Tierwohl und Haltungsbedingungen wirtschaftlich bestehen, wenn beim Einkauf häufig der Preis entscheidet? Unter anderem dieser Frage widmete sich die Veranstaltung „Landwirtschaft trifft Uni – Quo vadis Nutztierhaltung in Österreich?“ am 20. Oktober an der BOKU University in Wien. Auf Initiative der Landwirtschaftskammer Niederösterreich kamen Bäuerinnen und Bauern, Wissenschaft, Studierende und Vertreter der Lebensmittelvermarktung zusammen, um unterschiedliche Perspektiven auf die Zukunft der Tierhaltung zu diskutieren.
„Wer über die Zukunft der Nutztierhaltung spricht, muss Wissenschaft und bäuerliche Praxis an einen Tisch bringen. Unser Ziel ist, unseren bäuerlichen Familienbetrieben eine wirtschaftliche Perspektive zu geben und die regionale Versorgung zu sichern. Dazu brauchen wir einen offenen Austausch – auch über unbequeme Themen“, betonte Landwirtschaftskammer NÖ-Vizepräsidentin Andrea Wagner. Dass dieser Austausch auch zum Selbstverständnis der Universität gehört, unterstrich BOKU-Rektorin Eva Schulev-Steindl. Die BOKU greife gesellschaftlich relevante Fragen nicht nur auf, sondern erarbeite auch Lösungsmodelle, die für alle Beteiligten einen lebbaren Weg aufzeigen sollen.
Tierhaltung aus erster Hand
Wie unterschiedlich Tierhaltung in der Praxis aussieht, machten fünf Bäuerinnen und Bauern aus der Rinder-, Schweine- Geflügel- und Schafhaltung deutlich. Mit zahlreichen Fotos und persönlichen Erzählungen nahmen sie die Gäste mit auf ihre Höfe und durch den landwirtschaftlichen Jahreslauf – von der Betreuung der Tiere über die Futtergewinnung bis zur Vermarktung. Dabei wurde sichtbar, wie viel Fachwissen, Verantwortung und unternehmerische Entscheidungen hinter der Erzeugung heimischer Lebensmittel stehen. Beim anschließenden „Talk & Taste“ konnten Studierende und Gäste ihre Fragen direkt an die Betriebe richten.
Erwartungen, wirtschaftliche Realitäten und Einkaufsverhalten
Dass sich die Diskussion über Tierhaltung längst nicht mehr nur auf Produktionsfragen beschränkt, verdeutlichte Tierethiker Christian Dürnberger von der Vetmeduni Vienna. Gesellschaftliche Wertvorstellungen und ethische Fragen beeinflussen zunehmend, wie Landwirtschaft wahrgenommen und beurteilt wird. „Essen ist auch eine Frage der Moral geworden – und damit ändert sich das Kompetenzprofil der modernen Landwirtschaft. Ich muss nicht nur wissen, wie ich etwas mache - sondern auch begründen können, warum.“
Wie sich gesellschaftliche Erwartungen im tatsächlichen Einkaufsverhalten widerspiegeln, zeigte Peter Hamedinger von der AMA-Marketing. Laut RollAMA-Motivanalyse 2025 achten 55 Prozent der Befragten eher auf Preis und Aktionen als auf Qualität. Sein Appell: „Wenn wir wollen, dass auch künftig vom Stall über die Verarbeitung bis zum fertigen Produkt Wertschöpfung in Österreich stattfindet, müssen wir uns dafür entscheiden. Darum: Schau drauf beim Einkauf!“
Warum die heimische Tierhaltung auch in Zukunft Bedeutung hat, erläuterte Andreas Moser, Leiter der Abteilung Tierhaltung der Landwirtschaftskammer NÖ. Er verwies diesbezüglich auf die Leistungen der Nutztierhaltung für Versorgungssicherheit, regionale Wertschöpfung und den Erhalt der Kulturlandschaft, aber auch auf die wirtschaftlichen Voraussetzungen für Investitionen und höhere Tierwohlstandards. „Die Frage ist nicht nur, welche Tierhaltung wir uns als Gesellschaft wünschen, sondern auch unter welchen Bedingungen Tierhaltung in Zukunft in Österreich möglich bleibt. Diese gestalten wir alle gemeinsam.“
Zukunft braucht Forschung und Zusammenarbeit
Diesen Gedanken griffen auch die Vertreter der BOKU im abschließenden Resümee auf. Josef Plank, Vorsitzender des BOKU-Universitätsrats, erinnerte an die Bedeutung der Tierhaltung für Versorgungssicherheit, Grünlandnutzung und Kulturlandschaft. Angesichts von Strukturwandel, verändertem Ernährungsverhalten sowie den Herausforderungen durch Ressourcen- und Klimaschutz seien Forschung, Ausbildung und die Zusammenarbeit mit der landwirtschaftlichen Praxis besonders gefordert.
BOKU-Universitätsprofessor Werner Zollitsch richtete den Blick speziell auf die notwendige Weiterentwicklung der Tierhaltung. Gesellschaftliche Erwartungen beträfen insbesondere den Umgang mit den Tieren und die Umweltfolgen der Produktion. Nachhaltige Veränderungen könnten nur im Zusammenwirken aller Beteiligten gelingen. Die BOKU leiste dazu mit Forschung zu nachhaltigen Entwicklungspfaden und der Ausbildung junger Expertinnen und Experten einen Beitrag.
Die Veranstaltung wurde von der Landwirtschaftskammer Niederösterreich in Kooperation mit der BOKU University und AMA-Marketing organisiert. Für alle Beteiligten wurde deutlich: Die Zukunft der Tierhaltung lässt sich nicht allein auf den Bauernhöfen gestalten. Sie braucht engagierte Menschen auf den Betrieben, in der Wissenschaft und Forschung, in der Verarbeitung und im Handel sowie eine Gesellschaft, die heimische Lebensmittelproduktion wertschätzt. „Landwirtschaft trifft Uni“ machte deutlich, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen. Genau diesen Austausch will die Landwirtschaftskammer Niederösterreich weiter stärken – und freut sich in diesem Sinne auf eine künftige Auflage.