Die Häufigkeit, mit der die Rindergrippe in einem Bestand auftritt, ist das Ergebnis eines Zusammenwirkens von Erregern, Immunität der Kälber und Haltungsbedingungen.
Die Rindergrippe ist eine der Hauptursachen für die Erkrankung und Sterblichkeit von Kälbern. Sie ist eine Atemwegserkrankung des Rindes. Kälber sind für diese besonders anfällig, da die Lungenreifung, mit der eine Verbesserung der Immunabwehr des Organs einhergeht, erst vier Wochen nach der Geburt beginnt und erst im Alter von etwa einem Jahr abgeschlossen ist. Die Rindergrippe wird durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren hervorgerufen. Die auslösenden Ursachen lassen sich in infektiöse und nicht infektiöse Faktoren unterscheiden. Die infektiösen Faktoren werden als Primärerreger bezeichnet. In der Literatur wird zumeist das Bovine Respiratorische Synzytialvirus (BRSV) als Primärerreger beschrieben. Mit den meisten Rindergrippeimpfstoffen soll daher auch primär eine gezielte Immunität gegen das BRSV erreicht werden. Zu den infektiösen Faktoren gehören neben den Viren auch Bakterien und Pilze. Diese können sowohl einzeln als auch in Mischinfektionen auftreten. Da es sich bei der Rindergrippe um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung handelt, sind Primärerreger in der Regel nicht als alleinige Ursache anzusehen, wenn ein Kalb erkrankt.
Impfung allein ist zu wenig
Dies bedeutet im Umkehrschluss jedoch auch, dass die Impfung gegen einen oder mehrere Primärerreger, die im Allgemeinen sehr zuverlässig wirkt, als alleinige Maßnahme nicht in allen Fällen auch tatsächlich Schutz gegen eine Erkrankung an Rindergrippe gewährleisten kann. Die nicht infektiösen Faktoren erhöhen vor allem durch Schwächung der körpereigenen Abwehrmechanismen die Empfänglichkeit für eine Infektion mit einem Primärerreger. Es wird dabei zwischen endogenen und exogenen Faktoren unterschieden. Als endogene Faktoren gelten andere Infektionen, erhöhter Stress, Ermüdung und ein schlechter Immunstatus. So steigt etwa das Risiko, dass ein Kalb an Lungenentzündung erkrankt, um den Faktor 3, wenn dieses zuvor Durchfall hatte. Zu den exogenen Faktoren gehören ungenügende Versorgung mit Kolostrum, Wasser und Futter sowie schlechte Haltungsbedingungen. Durch das Zusammenwirken verschiedener endogener und exogener Faktoren kann die Immunabwehr der Kälber derart geschwächt sein, dass die Primärerreger, die ansonsten nur schwach infektionskräftig sind, eine Erkrankung an Rindergrippe bewirken. Maßnahmen, die dazu dienen, eine Beeinträchtigung der Gesundheit durch Risikofaktoren zu verhindern, werden als Prophylaxe bezeichnet. Der Prophylaxe kommt in der Haltung von Kälbern eine enorme Bedeutung zu, da das körpereigene Immunsystem noch nicht voll entwickelt und damit leistungsfähig ist, und die passive Immunität, die das Kalb über die Biestmilch erhalten hat, von Tag zu Tag abnimmt. Das Erkennen und die Elimination von Risikofaktoren, also jener speziellen körperlichen, psychischen und umweltassoziierten Gegebenheiten, die das Risiko für das Auftreten von Rindergrippe erhöhen, ist hierfür unerlässlich. Ungünstige Haltungsbedingungen und schlechtes Stallklima, als Teil der umweltassoziierten Risikofaktoren, sind oftmals systemimmanent, da sie grundlegend mit der Haltungsform verbunden und ohne Adaptierung nicht zu beseitigen sind. Wiederkehrende gesundheitliche Probleme im Bestand sind die Folge.
In der Milchviehhaltung ist demnach die erste und wichtigste Adaptierung, die Haltung der Kälber aus dem Kuhstall hinaus zu verlagern. Bereits 1986 haben D. Waltner-Towes et al. in umfangreichen Studien nachgewiesen, dass bei Kälbern, die in Outdoor-Iglus gehalten werden, die Wahrscheinlichkeit, dass diese wegen Durchfall behandelt werden müssen, 8-mal niedriger ist, und dass sie wegen Lungenentzündung behandelt werden müssen, 25-mal niedriger ist als bei jenen, die in Indoor-Kälberboxen gehalten werden. Damit sich die gesundheitlichen Probleme nicht vom Herbst in den Sommer verlagern, ist es jedoch wichtig, die Outdoor-Iglus keiner direkten Sonneneinstrahlung auszusetzen und zu beschatten. Wie der ideale Kälberstall aussehen soll bzw. welche Eigenschaften erfüllt sein müssen, damit das Risiko für Erkrankungen minimiert ist, ist nach wie vor Forschungsgegenstand und nicht abschließend geklärt. Weitgehend unbestritten ist jedoch, dass Haltungssysteme, die keine ausreichende Luftwechselrate gewährleisten, weil Zu- und Abluftführung nicht richtig dimensioniert sind und nicht korrespondieren, ein schlechtes Stallklima bedingen und das Risiko für Erkrankungen bei den Kälbern erhöhen. Das Stallklima bzw. die Güte der Stallluft wird durch Temperatur, Feuchtigkeit, Strömungsgeschwindigkeit sowie Konzentration an schädlichen Gasen, Mikroorganismen (Bakterien, Viren und Pilzen) und Staub definiert. Als einfachster Gradmesser für die Qualität des Stallklimas gilt der Feuchtigkeitsgehalt der Luft, da mit einem hohen Feuchtigkeitsgehalt zumeist auch eine hohe Konzentration an schädlichen Gasen und Mikroorganismen einhergeht. Im Kälberstall sollte die relative Luftfeuchtigkeit unter 75 % bleiben. Ein Wert, der bei freier Lüftung im Herbst im Stall kaum zu halten ist.
Starke Temperaturschwankungen sind gefährlich
Dies trifft deshalb zu, weil die Temperaturen im Stall den starken Schwankungen zwischen Tag und Nacht, wenn auch mit Verzögerung, folgen und die relative Luftfeuchtigkeit der Außenluft zumeist wesentlich höher ist als im Sommer oder Winter. Eine starke Temperaturabsenkung in der Nacht hat dann oft zur Folge, dass es zu einem gesundheitsgefährdenden Anstieg der relativen Luftfeuchtigkeit im Stall kommt. Hat beispielsweise die Stallluft tagsüber 10 ºC bei 70 % rel. Luftfeuchtigkeit, so ergibt sich bei einem Temperaturabfall in der Nacht um lediglich 3 ºC auf 7 ºC eine rel. Luftfeuchtigkeit von 89 %. Sinkt die Temperatur in diesem Beispiel auf unter 6 ºC, kann es gar zu einer Taupunktunterschreitung kommen, die dann besonders gefährlich werden kann, wenn Einstreu und Haarkleid der Kälber feucht werden. Konsequenz dieser Verhältnisse ist, dass der Stall nachts wesentlich stärker belüftet werden müsste als tagsüber, um die rel. Luftfeuchtigkeit unter 75 % zu halten. Die Empfehlungen zur Strömungsgeschwindigkeit der Luft im Kälberstall liegen in der Spanne von max. 0,5 bis 0,8 m/s. Dies liegt nur knapp über dem Wert von Windstille (<0,3 m/s), bei dem Rauch nahezu senkrecht aufsteigt. Zudem wird empfohlen, die Strömungsgeschwindigkeit an die Temperaturverhältnisse im Kälberstall anzupassen. Je niedriger die Temperatur im Stall und je größer die Temperaturdifferenz zwischen Stallraum und Außenbereich, desto niedriger sollte die Geschwindigkeit der Luftströmung im Stall sein. Dies ist insbesondere in der kühlen Jahreszeit sehr schwierig zu gewährleisten, wenn es zu einer größeren Abweichung zwischen Außentemperatur und Innentemperatur im Stall kommt.
Die Konsequenz ist dann oftmals Zugluft im Stall – und zwar überall dort, wo Frischluft in den Stall hineinkommt. Als Zugluft werden von Kälbern Luftströmungen (>0,3 m/s) empfunden, die den Körper erreichen und im Vergleich zur Umgebungstemperatur eine tiefere Temperatur aufweisen (ΔT >3 ºC). Können die Kälber der Zugluft nicht ausweichen, so besteht ein hohes Risiko, dass diese an Rindergrippe erkranken. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Liegebereich der Kälber von Kaltlufteinträgen betroffen ist, und potenziert sich, wenn die Kälber zudem über kein trockenes Haarkleid verfügen. Dem Liegebereich kommt deshalb eine so große Bedeutung zu, weil Kälber bis zu 22 Stunden am Tag liegen, einem trockenen Haarkleid deshalb, weil dieses deutlich besser als ein nasses die Körperwärme halten kann. Einem Kalb wird auf einem Betonboden, bei feuchter und ungenügender Einstreu, die vierfache Wärmemenge im Vergleich zu einem tiefen trockenen Strohbett entzogen. Ist der Stoffwechsel damit ausgelastet, die Körpertemperatur aufrechtzuerhalten, fehlt Energie, um das Immunsystem vollumfänglich leistungsfähig zu halten, weshalb unterkühlte Kälber auch sehr leicht erkranken. Um Zugluft zu vermeiden, müssen die Zuluftöffnungen im Stall umso weiter von den Kälbern entfernt sein, je größer die Temperaturdifferenz zwischen innen und außen und umso höher die Zugluftgeschwindigkeit ist. Als funktionierend bezeichnet man einen Außenklimastall dann, wenn dieser eine Temperaturdifferenz von nicht mehr als 5 ºC zur Außentemperatur aufweist. In Warmställen können oftmals Temperaturdifferenzen zwischen Stallinnenraum und Außenbereich von 10 ºC und mehr beobachtet werden. In beiden Fällen also zu hoch, wenn sich der Haltungsbereich der Kälber nahe an den Zuluftöffnungen befindet.
Verstärkt wird die Zugluftproblematik im Kälberstall oft durch den Effekt der hohen Wände, also den Abfall der kalten Luft von der Zuluftöffnung in den Liegebereich der Kälber. Kalte Luft weist eine höhere Dichte (kg/m3) als warme auf, fällt daher von der Öffnung für die Zuluft, die Wand entlang, zu Boden. Auf dem Weg zum Boden wird die kalte Luft mit dem Faktor der Erdanziehung (9,81 m/s2) beschleunigt, sodass die Geschwindigkeit des Luftstroms mit der Fallhöhe ständig zunimmt. In der Praxis treten Überschreitungen der maximalen Strömungsgeschwindigkeit für die Zuluft (0,5 m/s) bereits ab Fallhöhen von 1,5 m auf. Die Platzierung des Haltungsbereichs unter Zuluftöffnungen (z. B. Fenstern) sollte daher vermieden werden. Ist dies nicht möglich, so gilt es den Abfall der Kaltluft auf die Kälber zu verhindern, indem beispielsweise ein „Kälberhimmel“ eingebaut wird oder die Zuluftöffnungen in diesem Bereich des Stalls geschlossen bleiben. Geschlossene Zuluftöffnungen bedingen zumeist jedoch einen Anstieg der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit im Stall, sodass sich manch Rinderhalter in einer Zwickmühle befindet. Lässt er die Fenster offen, sind die Kälber krank, schließt er die Fenster, sind die Kälber auch krank. Diese Situation lässt sich nur dann auflösen, wenn die Zuluft- und Abluftführung im Stall einer funktionalen Lösung zugeführt werden kann. Ansonsten bleibt nur die Wahl des kleineren Übels, Fenster nachts zu – und tagsüber ausreichend oft Stoßlüften, wie in den Wohnungen für uns Menschen auch.